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Die Gesellschaft für Virologie trauert um

ihren Altpräsidenten Herrn Professor Dr. rer. nat. Nikolaus Müller-Lantzsch

* 29. März 1943 in Görlitz/Neiße, † 02. August 2017 in Homburg/Saar

Nikolaus Müller-Lantzsch war bis zu seiner Emeritierung 2009 Inhaber des Lehrstuhls für Virologie am Universitätsklinikum Homburg/Saar.
Nikolaus Müller-Lantzsch gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Gesellschaft für Virologie und war in den Jahren 2005 – 2011 ihr Präsident. Nikolaus Müller-Lantzsch studierte von 1964 bis 1971 Biologie an den Universitäten Hamburg und Freiburg. Nach der Promotion zum Dr. rer. nat. im Jahre 1974 mit einer Arbeit zur Transkription bei SV40 und Polyomavirus am damaligen Hygiene-Institut (Abteilung Virologie) der Universität Freiburg unter der Leitung von Prof. Richard Haas und Prof. Gerhard Brandner arbeitete Nikolaus Müller-Lantzsch am Salk Institute, La Jolla, CA, USA, über die Funktion virus-spezifischer RNA des Moloney Leukämie Virus. Ab 1976 forschte er als Habilitand am Institut für Virologie der Universität Freiburg unter der Leitung von Prof. Dr. Harald zur Hausen. 1981 erfolgte die Habilitation („Biochemische Charakterisierung Epstein-Barr Virus spezifischer Antigene“) an der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg. In den Jahren 1980-1982 war er Leiter der Abteilung ‚Forschung und Entwicklung Virologie‘ am Schweizerischen Serum- und Impfinstitut in Bern. Nachdem er 1982 auf eine C2 Professur am Institut für Virologie der Universität Freiburg berufen wurde, trat er 1988 eine C3 Professur und die Stelle des Abteilungsdirektors der Abteilung Virologie am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene, Universität des Saarlandes, Homburg/Saar an. 1995 erfolgte die Ernennung zum C4 Professor. Unter seiner Regie wurden in Homburg ein neues Institutsgebäude errichtet und die Voraussetzungen für die Berufung zum Nationalen Referenzzentrum für γ-Herpesviren geschaffen. In der medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes bekleidete er verschiedene Ämter der akademischen Selbstverwaltung und war u.a. von 1998 bis 2004 Dekan bzw. Studiendekan der Medizinischen Fakultät. Für seine Verdienste hinsichtlich des wissenschaftlichen Austausches mit französischen Kollegen wurde er 2002 vom französischen Premierminister zum „Chevalier dans l’Ordre des Palmes académiques“ ernannt.

Ein Schwerpunkt der Arbeit von Nikolaus Müller-Lantzsch nach 1982 in Freiburg war die molekularbiologische Charakterisierung der EBV-kodierten Proteine EBNA-1, EBNA-2 und LMP und deren Bedeutung für die Biologie von EBV. Dieser Themenkomplex wurde von ihm auch in Homburg mit großem Nachdruck weiterverfolgt und durch sehr umfassende Bemühungen ergänzt, diese Antigene insbesondere für die Diagnostik von EBV-Reaktivierungen nutzbar zu machen. Dabei komplementierten systematische Untersuchungen zur EBV-Viruslast diesen wichtigen Ansatz. In der Freiburger Zeit erwarb sich Nikolaus Müller-Lantzsch sehr große Verdienste um die Etablierung der HIV-Diagnostik. Wegbegleiter aus dieser Zeit werden sich erinnern, dass die ersten Serien von HIV-positiven Präparaten für die HIV–Antikörper-Immunfluoreszenz (insbesondere die in der Transplantationsmedizin notwendigen Schnellteste) von ihm selbst angefertigt wurden, um die Durchführbarkeit und Sicherheit der Präparation zu evaluieren und zu demonstrieren. Erwähnenswert ist auch, dass die EDV-gestützte Virusdiagnostik in Freiburg von ihm maßgeblich konzipiert und etabliert wurde.

Neben Untersuchungen zu EBV legte er ab 1993 den Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeiten auf die Erforschung humaner endogener Retroviren. Ihm gelang in einer grundlegenden Arbeit der Nachweis, dass das humane endogene Retrovirus HERVK (HML-HOM) vollständige offene Leseraster aufweist. In weitergehenden Arbeiten konnte er zeigen, dass Patienten mit Keimzelltumoren Antikörper gegen virale Proteine entwickeln und dass die Tumorzellen die viralen Gene exprimieren. In Mausexperimenten konnte schlussendlich das onkogene Potential HERVK-kodierter Proteine demonstriert werden. Eine Vielzahl an nationalen und internationalen Kooperationen dokumentieren den hohen wissenschaftlichen Wert dieser Arbeiten. Die Kollaboration mit Wissenschaftlern der DDR sowie aus Russland lag ihm besonders am Herzen. Im Laufe seiner Tätigkeit betreute er eine Vielzahl von Diplom-, Doktor- und Habilitationsarbeiten. Neben seiner Forschungstätigkeit und der Arbeit in verschiedenen Fachgremien war ihm die Etablierung und fortlaufende Verbesserung neuester diagnostischer Analysemethoden im Rahmen der Patientenversorgung ein wichtiges Anliegen.

Nikolaus Müller-Lantzsch war in der Virologie nicht nur als Wissenschaftler hoch geachtet, sondern auch als Kollege und Freund äußerst geschätzt und beliebt. Er hatte immer mehr im Blick als seine eigenen Forschungsthemen und seine persönlichen Erfolge. Seine Fähigkeit war es, das Ganze zu sehen, Verantwortung zu suchen und Führung zu übernehmen. Dies machte ihn zu einem bedeutenden Lehrstuhlinhaber und einem hervorragenden Präsidenten. Wir werden ihn in bleibender Erinnerung behalten.

Friedrich Grässer, Homburg
Georg Bauer, Hartmut Hengel und Dieter Neumann-Haefelin, Freiburg