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Nekrolog für UZH

Prof. Dr. Jean Lindenmann
18. September 1924 bis 15. Januar 2015

Die Erstbeschreibung des Interferons im Jahre 1957 durch Jean Lindenmann und Alick Isaacs ist ein Meilenstein in der biomedizinischen Forschung. Jean Lindenmann starb am 15. Januar 2015, wenige Monate nach seinem 90. Geburtstag, den er mit engen früheren Mitarbeitern am Zürichsee feiern konnte.
Jean Lindenmann wurde am 18. September 1924 in Zagreb, Jugoslawien (heutiges Kroatien) geboren. Er erwarb die Matura Typ C an der Oberrealschule in Zürich und studierte an der Universität erst Physik dann Medizin. Der Abwurf der Atombombe über Hiroshima hatte ihn bewogen, das Studium zu wechseln. Anschließend war er Assistent am Hygiene-­‐Institut der Universität unter Prof. Hermann Mooser. Neben bakteriologisch-diagnostischer Tätigkeit befasste er sich bereits damals mit der Virusinterferenz, wobei die Infektion mit einem ersten Virus vor einer Zweitinfektion mit demselben oder einem ganz anderen Virus schützt. Die vorherrschende Meinung war, dass die Erstinfektion wichtige Bestandteile in der infizierten Zelle blockieren oder aufbrauchen würde, die dann dem Zweitvirus nicht mehr zur Verfügung stünden. Der angehende Forscher fand in eigenen, genialen Experimenten, dass das wohl nicht zutraf.
1956 erhielt er ein Stipendium der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, um sich in London am National Institute for Medical Research in Mill Hill für ein Jahr ganz der Virologie zu widmen. Er begann unter C.H. (später Sir Christopher) Andrewes ein Projekt über Polioviren und traf eines Tages überraschend auf Alick Isaacs, der im Nachbarlabor über Virusinterferenz forschte. Die beiden begannen eine intensive Zusammenarbeit, die innerhalb weniger Monate in der Entdeckung des Interferons gipfelte. Sie fanden, dass das erste Virus die infizierten Zellen zur Ausschüttung einer zelleigenen Substanz veranlasst, welche als Botenstoff benachbarte Zellen vor Neuinfektion schützt. Der Name Interferon ist übrigens Lindenmann’s alter Liebe zur Physik und ihren Elektrons, Myons und Mesons geschuldet. Interferon mit seinen vielfältigen antiviralen, antitumoralen und immunmodulatorischen Wirkungen wurde eine Erfolgsgeschichte.
 
Jean Lindenmann kehrte vorerst als Oberassistent ans Hygiene‐Institut in Zürich zurück und nahm 1960 eine Anstellung als „Bakteriologe zweiter Klasse“ am damaligen Eidgenössischen Gesundheitsamt in Bern an. Dort entdeckte er dank glücklicher Umstände, dass es bei gewissen Labormäusen eine vererbbare Resistenz gegen Influenzavirusinfektionen gibt. Initial dachte er an eine besonders gute Immunantwort. Später wurde klar: es war schon wieder Interferon. Das Resistenzgen (MX1) wird durch Interferon angeschaltet. Es kommt natürlicherweise auch beim Menschen vor, zusammen mit einem zweiten Gen (MX2), das Bestandteil der Interferonantwort gegen HIV-­‐1 ist. Ab 1962 arbeitete Jean Lindenmann als Visiting Assistant Professor am Department of Microbiology der University of Florida in Gainesville, wo er bahnbrechende Arbeiten zur viralen Onkolyse und postonkolytischen  Immunität begann. 1964 wird er als Extraordinarius für Experimentelle Mikrobiologie an die UZH berufen, 1969 zum Ordinarius befördert und 1980 zum Ordinarius für Immunologie und Virologie und Direktor des gleichnamigen Institutes ernannt. Das Institut wird ein Eldorado des kreativen Denkens und Forschens.
Jean Lindenmann war ein begnadeter akademischer Lehrer, der seine Zuhörer zu fesseln verstand. Dank einer natürlichen Neugier war er allem Neuen zugewandt. So entstand ein  innovatives  Lehrbuch  für  Anfänger  im  Fach  Immunologie,  das  im  Stil  eines modernen Lernprogramms aufgebaut war. Er verstand es auch trefflich, sich klar zu aktuellen Fragen der Medizin und Naturwissenschaften an eine breite Öffentlichkeit zu wenden. Er war Mitglied des Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds und vieler weiterer Gremien. Er erhielt zahlreiche Ehrungen, so den Georg-­Friedrich-Götz-Preis 1969, den Schweizer Krebspreis 1964 und 1987 (zusammen mit Charles Weissmann), den Robert-­Koch-­Preis 1973, den Marcel-­Benoist-­Preis 1977 und den European Virology Award der Europäischen Gesellschaft für Virologie 2007.
Nach seiner Emeritierung konnte sich Jean Lindenmann ganz seinen vielfältigen Interessen in Literatur, Kunst und Musik hingeben. Er befasste sich vertieft mit historischen und soziologischen Aspekten der Wissenschaft und hatte kein Verständnis für die extreme Ansicht gewisser Soziologen, die argumentierten, dass wissenschaftliche Fakten bloß auf sozialen Übereinkünften beruhen würden. In seinem letzten autobiographischen Werk schrieb er: „Thus, I am outing myself as a naive realist. Sociologists and philosophers of science will dismiss me as an old fool. Too bad – tant pis pour moi – it was great fun“. Er wird uns in bleibender Erinnerung bleiben, nicht als Tor,
sondern als eine außergewöhnlich kreative und auch kritische Persönlichkeit mit viel Sinn für Humor.
Otto Haller