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Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie (GfV) zur „Dual Use“ -Problematik und Veröffentlichung von Forschungsergebnissen anlässlich der Entdeckung eines hochpathogenen (lebensgefährlichen) Influenzavirus (Subtyp des sogenannten Vogelgrippevirus H5N1), das bei Versuchen mit Tieren über die Luft- und Atemwege übertragen werden konnte.

Zum Hintergrund: Auf einer Fachkonferenz der European Scientific Working Group on Influenza in Malta wurden im September 2011 Experimente mit einem Influenza-A-Virus des Subtyps H5N1 (Vogelgrippevirus) vorgestellt, das zwar für den Menschen lebensgefährlich, aber nur sehr schwer übertragbar ist. Nach bereits 10 experimentellen Übertragungen eines (zuvor im Labor veränderten Virus) von Tier-zu-Tier in Frettchen wurde ein Virus erhalten, das weiterhin lebensgefährlich und darüber hinaus mit hoher Effizienz über die Luft- und Atemwege auf gesunde Kontakttiere übertragen wurde. Bei 70% Prozent der Tiere verlief die Infektion tödlich. Da Frettchen bei einer Influenzainfektion hinsichtlich der Empfänglichkeit und des Krankheitsverlaufes ähnlich dem Menschen reagieren, nehmen Virologen daher an, dass sich das so veränderte H5N1-Virus auch von Mensch zu Mensch ausbreiten könnte. Demzufolge könnte ein Virus erhalten worden sein, welches aufgrund der hohen Letalität und leichten Übertragbarkeit unbedingt ganz besonderen  Sicherheitsvorkehrungen unterliegen muss. In Folge der Präsentation in Malta führt die Wissenschaft eine Diskussion um eine mögliche sogenannte "Dual Use"-Problematik der Untersuchungsergebnisse, also die mögliche Verwendung der wissenschaftlichen Ergebnisse auch zu missbräuchlichen Zwecken. Auf diese Problematik wurde von den Autoren der Arbeit in Malta auch hingewiesen.
Aus Sicht der wissenschaftlichen Gesellschaft für Virologie (GfV) besteht das sogenannte "Dual Use"-Problem hier in der Tat, da offensichtlich nur wenige Mutationen im Erbgut des Virus nötig waren, um diesem eine neue Qualität, nämlich die der leichten Übertragbarkeit, zu geben. In diesem Zusammenhang muss jedoch auch eine andere, kürzlich veröffentlichte Studie erwähnt werden, die zeigt, dass Veränderungen im viralen Genom, die eine Übertragung von Vogel auf Frettchen erlauben, doch sehr komplex sind (Chen et al, Virology 422, 105-113, 2011). Immerhin könnte das Wissen um die entsprechend notwendigen Mutationen benutzt werden, um mittels reverser Genetik (Veränderung der entsprechenden Genabschnitte im Labor) gezielt Viren zu schaffen, die über den Luftweg von Mensch zu Mensch übertragen werden. Dennoch darf aus Sicht der GfV bei der Bewertung der Befunde nicht nur an ihren Missbrauch gedacht werden. Die Ergebnisse liefern vielmehr wichtige neue Erkenntnisse darüber, wie aus einem Vogelgrippe-Influenzavirus ein Erreger entstehen kann, der sich bei Säugern und damit vermutlich auch bei Menschen leicht ausbreiten kann. Die Kenntnis um die notwendigen Mutationen, die aus einem Vogelgrippe Influenzavirus H5N1 ein leicht von Mensch zu Mensch übertragbares Virus machen könnten, ist nicht nur für das grundlegende Verständnis des Erregers wichtig. Die Aufklärung dieser bislang in ihrer Komplexität nicht vollständig verstandenen Zusammenhänge ist zudem für eine fundierte Risikoanalyse insbesondere in Ländern mit häufig auftretenden H5N1-Infektionen bei Geflügel und gelegentlich Mensch essentiell. Möglicherweise können aus den Ergebnissen der Untersuchungen neue Erkenntnisse für die Entwicklung von Impfstoffen gewonnen werden. Die erhobenen Daten sind somit von großer Bedeutung für verschiedene Bereiche der infektionsmedizinischen Forschung. Deshalb sollten die Ergebnisse auch veröffentlicht werden, zumal sie ohnehin auf der Tagung in Malta bereits einem großen Kreis von Fachleuten präsentiert wurden. Umso unverständlicher ist die Absicht der US-Regierung, die Veröffentlichung der Studie nur unter Ausschluss der experimentellen Daten zuzulassen. Eine derartige Zensur verstößt eindeutig gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis und führt zu einer unnötigen Dramatisierung.
Prof. Dr. Thomas Mertens