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Die Gesellschaft für Virologie trauert um

ihren Gründungspräsidenten Herrn Professor Dr. med. Bernhard Fleckenstein

* 10. August 1944 in Würzburg, † 04.Mai 2021 in Schlaifhausen, Wiesenthau

Von 1978 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2015 war Bernhard Fleckenstein Inhaber des Lehrstuhls für Virologie an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg und Direktor des Virologischen Institutes am Universitätsklinikum Erlangen. Nach dem Medizinstudium in Freiburg/Br und Wien von 1963 bis 1969, der Medizinalassistentenzeit in Lübeck und der Promotion zum Dr. med. begann er seine virologischen Forschungsarbeiten 1970 am Institut für Hygiene und Mikrobiologie der Universität Göttingen (Leitung: Prof. Reiner Thomssen). 1972 schloss er sich der Gruppe von Prof. Harald zur Hausen am Institut für Klinische Virologie der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg an, wo er sich 1975 habilitierte. 1976 wurde er zum Associate Professor of Microbiology and Molecular Genetics an der Harvard Medical School in Boston berufen und übernahm die Leitung der Abteilung Mikrobiologie am Primatenzentrum von Harvard University. 1978 wurde er zum Ordentlichen Professor und Leiter des Instituts für Klinische und Molekulare Virologie der Universität Erlangen berufen, wo er nach abgelehnten Rufen auf die Lehrstühle für Virologie an der Universität Freiburg (1987) und der Ludwig-Maximilians-Universität München (1987) bis 2015 lehrte. Auch den Ruf auf die Position des Wissenschaftlichen Mitglieds und Vorsitzenden im Stiftungsvorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums lehnte er 2003 ab. Sein Wirken in Erlangen war auch geprägt von einer kontinuierlichen baulichen Fortentwicklung der Virologischen Diagnostik- und Forschungslabore hin zu einem national und international renommierten Zentrum für klinische und molekulare Virologie. 

Schon im ersten Jahr seiner virologischen Tätigkeit in Göttingen wandte Bernhard Fleckenstein sich der neuentdeckten Gruppe der Rhadinoviren zu, einer Subgruppe der Herpesviren mit onkogenen Eigenschaften. Diese Arbeiten führte er auch nach seinem Wechsel an die Harvard Medical School in Boston weiter. Er untersuchte die molekularen Mechanismen der durch diese Viren verursachten Lymphome und lymphatischen Leukämien und konnte bereits 1978 in Nature publizieren, dass isolierte virale DNA in Tierexperimenten tumorigen wirkt. Ein weiterer wichtiger Durchbruch auf diesem Gebiet gelang ihm und seiner Arbeitsgruppe in Erlangen, als sie 1992 publizierten, dass einzelne Vertreter dieser Virusgruppe menschliche T-Zellen in Kulturen immortalisieren, d.h. zu kontinuierlichem Wachstum anregen können. Dies ebnete methodisch den Weg zu einer besseren Analyse zentraler Signalwege in Lymphozyten und führte zu einer Vielzahl von kollaborativen Projekten, in denen grundlegende Mechanismen der T-Zellaktivierung aufgeklärt wurden. In weiteren Pionierarbeiten beschäftigten sich Bernhard Fleckenstein und seine Mitarbeiter mit dem menschlichen Cytomegalovirus, einem wichtigen Erreger pränataler Infektionen und von Infektionen bei Immunsupprimierten. Sie klonierten erstmals das gesamte Genom des Virus und führten die molekulare Kartierung der wichtigsten Struktur- und Regulationsproteine durch. In Zusammenarbeit mit Prof. Walter Schaffner, Universität Zürich, entdeckte Bernhard Fleckenstein den Enhancer des Cytomegalovirus, der heute weltweit für die Expression eukaryonter Gene in Zellkultur, in transgenen Tieren und für Versuche der somatischen Gentherapie angewendet wird. An seinem Institut etablierte Bernhard Fleckenstein ein breites Forschungsprogramm zur molekularen Biologie von Herpesviren, Papillomviren und Retroviren, das von einer Vielzahl von jungen Nachwuchswissenschaftlern mitgetragen wurde. Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses war für Bernhard Fleckenstein immer ein besonderes Anliegen, das er auch in seiner Funktion als Sprecher des Sonderforschungsbereich 466 „Lymphoproliferation und virale Immundefizienz“ (von 1996 bis 2008) sowie des Graduiertenkollegs 1071 „Viren des Immunsystems“  (von 2005 bis 2013) nie aus den Augen verlor.  

Von 1997 bis 2001 und von 2005 bis 2008 war Bernhard Fleckenstein Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg. In dieser Funktion stellte er wesentliche Weichen für eine leistungsorientierte Universitätsmedizin in Erlangen. Er war Gründungspräsident der Deutschen Gesellschaft für Virologie und Gründungsmitglied sowie erster Generalsekretär der European Society for Virology. Bernhard Fleckenstein gehörte zahlreichen nationalen und internationalen Wissenschaftsgremien an, darunter der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz und der Deutschen Nationalakademie Leopoldina. Zu seinen Auszeichnungen zählen der Max-Planck-Preis (1991), der Aronson-Preis des Landes Berlin (1991), der Ludwig-Aschoff-Preis der Universität Freiburg (2004) sowie das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (2003) und der Bayerische Verdienstorden (2006).

Auch als Persönlichkeit hat Bernhard Fleckenstein durch seine immer positive Ausstrahlung, Begeisterungsfähigkeit, Großzügigkeit und strategische Weitsicht beeindruckt. Bedingt durch seine tatkräftige und uneigennützige Förderung des akademischen Nachwuchses wurden viele seiner Schüler sowohl national als auch international auf Virologische Lehrstühle und Professuren berufen. Er hat die Gesellschaft für Virologie mitbegründet und wie kaum ein anderer geprägt. Mit ihm verlieren wir einen großartigen und unermüdlichen Förderer der Virologie in Deutschland und einen wunderbaren Kollegen.

Wir werden Bernhard Fleckenstein in bleibender Erinnerung behalten.

Klaus Überla und Thomas Stamminger