2. Aktualisierte Stellungnahme zur Immunität von Genesenen

05/01/2022

 2. Aktualisierung der Stellungnahme zur Immunität von Genesenen

3. Dezember 2021

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der aktualisierten Stellungnahme zur Immunität Genesener der GfV vom 30.9.2021 sprach die damalige Datenlage (s.u.) dafür, dass eine durchgemachte Infektion auch nach einem Jahr noch sehr gut vor Reinfektion und schweren Verläufen schützt. Eine für diese Schlussfolgerung gewichtige Arbeit von Gazit et al.1 aus Israel berichtete, dass Personen nach durchgemachter SARS-CoV-2 Infektion einen besseren Schutz vor der Infektion mit der Delta-Variante aufweisen wie zweifach Geimpfte. Zum selben Ergebnis kommt eine weitere kürzlich veröffentliche Studie aus Frankreich2. In der Zwischenzeit sind aber auch zwei weitere Artikel aus den USA veröffentlicht. Die eine kommt zu dem Schluss, dass eine durchgemachte SARS-CoV-2 Infektion bei 18-Jährigen einen schlechteren Schutz vor Erkrankung vermittelt als eine zweimalige Impfung3. Die andere untersuchte 65-Jährige und berichtet ebenfalls, dass die durchgemachte Infektion einen schlechteren Schutz vor Infektion, schwerer Erkrankung und Tod vermittelt als die vollständige Impfung4. Auf Grund dieser widersprüchlichen Datenlage kann gegenwärtig nicht sicher von einem ein Jahr anhaltenden Schutz Genesener ausgegangen werden. Unbestritten ist, dass die COVID-19 Impfung nach durchgemachter SARS-CoV-2 Infektion zu einem starken Anstieg der antiviralen Immunantwort führt. Deshalb sollten sich bis zur weiteren Klärung der Sachlage Personen mit durchgemachter SARS-CoV-2 Infektion in der Regel 6 Monate nach durchgemachter Infektion gemäß der STIKO-Empfehlungen5 impfen lassen und auch die Empfehlungen zur Auffrischimpfung berücksichtigen. Auf Grund der zunehmenden Anzahl von Infektionen bei vollständig Geimpften ohne Booster gilt die dringende Empfehlung zur Auffrischungsimpfung nach 6 Monaten auch für diesen Personenkreis5.

Angesichts der Dynamik des Erkenntnisgewinns zur Dauerhaftigkeit der Immunantwort gegen SARS-CoV-2 bei vollständig Geimpften und Genesenen und der möglichen Problematik mit der Omikronvariante gehen wir davon auch, dass auch zukünftig weitere Aktualisierungen zum Thema Impfung notwendig werden.

 

Der Vorstand der Gesellschaft für Virologie

Prof. Dr. Ralf Bartenschlager, Universitätsklinikum Heidelberg

Prof. Dr. Thomas Stamminger, Universitätsklinikum Ulm

Prof. Dr. Ulf Dittmer, Universitätsklinikum Essen

Prof. Dr. Sandra Ciesek, Universitätsklinikum Frankfurt

Prof. Dr. Klaus Überla, Universitätsklinikum Erlangen

 

 

Referenzen

1 Gazit et al., doi.org/10.1101/2021.08.24.21262415

2 Grant et al., doi.org/10.1016/j.lanepe.2021.100278

3 Bozio et al., doi: 10.15585/mmwr.mm7044e1

4 Young-Xu et al., doi.org/10.1101/2021.09.27.21264194

5 https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/48_21.pdf?__blob=publicationFile

  

 

1. Aktualisierte Stellungnahme zur Immunität von Genesenen

30. September 2021

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Immunantwort, die durch eine SARS-CoV-2 Infektion oder eine COVID-19 Impfung ausgelöst wird, und Beobachtungsstudien zur Häufigkeit von Zweitinfektionen mit SARS-CoV-2 erlauben eine Neubewertung der Dauer der Immunität nach durchgemachter SARS-CoV-2 Infektion.

In den ersten Monaten der Pandemie wurde davon ausgegangen, dass eine durchgemachte Infektion mit SARS-CoV2 nur eine kurzlebige schützende Immunität nach sich zieht. Dies beruhte v.a. auf der Beobachtung, dass bestimmte Antikörper-Typen bereits wenige Monate nach der Infektion nicht mehr messbar waren. Diese Einschätzung ist jedoch mittlerweile überholt. In einer Vielzahl von Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass eine SARS-CoV-2 Infektion beim Menschen zur Ausbildung immunologischer Gedächtniszellen führt, welche der eigentliche Schutzmechanismus des Immunsystems gegen eine erneute Erkrankung sind[1],[2],[3]. Sie sorgen z.B. dafür, dass bei erneutem Kontakt mit dem Erreger sehr schnell Antikörper hergestellt werden, die wesentlich wirksamer sind als die Antikörper, welche direkt nach der ersten Infektion vorhanden waren. So sind sie insbesondere in der Lage, Varianten von SARS-CoV-2 effizient zu neutralisieren. Dies konnte bei Genesenen gezeigt werden, die über eine Impfung erneut in Kontakt mit Teilen von SARS-CoV2 kamen[4],[5]. Selbst wenn die bei erneutem Virus-Kontakt noch vorhandenen Antikörperspiegel nicht ausreichend hoch sind, um eine Infektion mit SARS-CoV-2 komplett zu verhindern, kann die schnelle Gedächtnisantwort unseres Immunsystems zumindest dafür sorgen, dass schwere Krankheitsverläufe verhindert werden.

Mittlerweile liegen auch einige Beobachtungsstudien über den Schutz Genesener vor einer erneuten Infektion vor. Daten aus mehreren Ländern belegen, dass Menschen, die eine SARS-CoV-2 Infektion durchgemacht haben, gegen eine erneute Infektion oder Erkrankung sehr gut geschützt sind, und dass sich dieser Schutz auch auf Virusvarianten, inklusive der Delta-Variante, erstreckt[6],[7],[8],[9]. In den ersten sechs Monaten nach durchgemachter Infektion ist der Schutz vor erneuter SARS-CoV-2 Infektion mindestens so gut ausgeprägt wie der Schutz von vollständig Geimpften6,8. Darüber hinaus zeigen die Untersuchungen, dass eine durchgemachte SARS-CoV-2 Infektion auch nach einem Jahr noch sehr gut vor Reinfektionen und schweren COVID-19 Krankheitsverläufen schützt8,9.

 

 

Schlussfolgerungen:

  • Die nachgewiesene Dauer des Schutzes nach durchgemachter SARS-CoV-2 Infektion beträgt mindestens ein Jahr. Aus immunologischer Sicht ist von einer deutlich längeren Schutzdauer auszugehen, die auf Grund des begrenzten Beobachtungszeitraum aber noch nicht durch entsprechende Studien belegt ist.
  • Auf Grund dieser aktuellen Erkenntnisse sollten Genesene bei Regelungen zur Pandemie-Bekämpfung (z.B. Testpflicht) den vollständig Geimpften zunächst für mindestens ein Jahr gleichgestellt werden.
  • Eine Überprüfung des empfohlenen Zeitpunktes einer Impfung nach überstandener SARS-CoV-2 Infektion wird angeraten.

 

 

 

Der Vorstand der Gesellschaft für Virologie

Prof. Dr. Ralf Bartenschlager, Universitätsklinikum Heidelberg

Prof. Dr. Thomas Stamminger, Universitätsklinikum Ulm

Prof. Dr. Ulf Dittmer, Universitätsklinikum Essen

Prof. Dr. Sandra Ciesek, Universitätsklinikum Frankfurt

Prof. Dr. Klaus Überla, Universitätsklinikum Erlangen

 

Unter Beteiligung von:

PD Dr. Sebastian Ulbert

Abteilungsleiter Impfstoffe und Infektionsmodelle

Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie

Perlickstr. 1, 04103 Leipzig

 

 

[1] Turner et al., doi.org/10.1038/s41586-021-03647-4

[2] Ogega et al., doi.org/10.1172/JCI145516

[3] Breton et al., doi.org/10.1084/jem.20202515

[4] Reynolds et al., doi: 10.1126/science.abh1282

[5] Stamatatos et al., doi 10.1126/science.abg9175

[6] Hall et al., doi: 10.1016/S0140-6736(21)00790-X

[7] Hansen et al.,doi: 10.1016/S0140-6736(21)00575-4

[8] Gazit et al., doi.org/10.1101/2021.08.24.21262415

[9] Vitale et al., doi:10.1001/jamainternmed.2021.2959

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Der Vorstand der Gesellschaft für Virologie

Autoren (in alphabetischer Reihenfolge):

Prof. Dr. Ralf Bartenschlager, Molekulare Virologie, Universitätsklinikum Heidelberg

Prof. Dr. Ulf Dittmer, Institut für Virologie, Universitätsklinikum Essen

Prof. Dr. Isabella Eckerle, Centre for Emerging Viral Diseases, Universitätsklinikum Genf, Schweiz

Prof. Dr. Hartmut Hengel, Institut für Virologie, Universitätsklinikum Freiburg

Prof. Dr. Heidemarie Holzmann, Zentrum für Virologie, Medizinische Universität Wien, Österreich

Prof. Dr. Thomas Mertens, Institut für Virologie, Universitätsklinikum Ulm

Prof. Dr. Stephanie Pfänder, Abteilung für Molekulare und Medizinische Virologie, Ruhr-Universität Bochum

Prof. Dr. Hendrik Streeck, Institut für Virologie, Universitätsklinikum Bonn

Prof. Dr. Matthias Tenbusch, Virologisches Institut, Klinische und molekulare Virologie, Universitätsklinikum Erlangen

Prof. Dr. Klaus Überla, Virologisches Institut, Klinische und molekulare Virologie, Universitätsklinikum Erlangen

 

Quellen

1] Jeyanathan M, Afkhami S, Smaill F, Miller MS, Lichty BD, Xing Z. Immunological considerations for COVID-19 vaccine strategies. Nat Rev Immunol. 2020;20: 615–632. doi:10.1038/s41577-020-00434-6

[2] Dagotto G, Yu J, Barouch DH. Approaches and Challenges in SARS-CoV-2 Vaccine Development. Cell Host and Microbe. Cell Press; 2020. pp. 364–370. doi:10.1016/j.chom.2020.08.002

[3] Folegatti PM, Ewer KJ, Aley PK, Angus B, Becker S, Belij-Rammerstorfer S, et al. Safety and immunogenicity of the ChAdOx1 nCoV-19 vaccine against SARS-CoV-2: a preliminary report of a phase 1/2, single-blind, randomised controlled trial. Lancet. 2020;396: 467–478. doi:10.1016/S0140-6736(20)31604-4

[4] Mulligan MJ, Lyke KE, Kitchin N, Absalon J, Gurtman A, Lockhart S, et al. Phase 1/2 study of COVID-19 RNA vaccine BNT162b1 in adults. Nature. 2020; 1–8. doi:10.1038/s41586-020-2639-4

[5] Zhu FC, Li YH, Guan XH, Hou LH, Wang WJ, Li JX, et al. Safety, tolerability, and immunogenicity of a recombinant adenovirus type-5 vectored COVID-19 vaccine: a dose-escalation, open-label, non-randomised, first-in-human trial. Lancet. 2020;395: 1845–1854. doi:10.1016/S0140-6736(20)31208-3

[6] Logunov DY, Dolzhikova I V, Zubkova O V, Tukhvatullin AI, Shcheblyakov D V, Dzharullaeva AS, et al. Safety and immunogenicity of an rAd26 and rAd5 vector-based heterologous prime-boost COVID-19 vaccine in two formulations: two open, non-randomised phase 1/2 studies from Russia. Lancet. 2020;396: 887–897. doi:10.1016/S0140-6736(20)31866-3

[7] Ständige Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut. Ständige Impfkommission: Stellungnahme der Ständigen Impfkommission zu einer künftigen Impfung gegen COVID-19. Epidemiol Bull. 2020; 8–10. doi:10.25646/7090

[8] RKI. Nationaler Pandemieplan Teil II. doi:10.17886/rkipubl­2016­004.5

[9] RKI – Coronavirus SARS-CoV-2 – Situationsbericht vom 7.9.2020.Verfügbar: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsb…)

[10] Matrajt L, Eaton J, Leung T, Brown ER. Vaccine optimization for COVID-19, who to vaccinate first? medRxiv Prepr Serv Heal Sci. 2020; 2020.08.14.20175257. doi:10.1101/2020.08.14.20175257

[11] Docherty AB, Harrison EM, Green CA, Hardwick HE, Pius R, Norman L, et al. Features of 20 133 UK patients in hospital with covid-19 using the ISARIC WHO Clinical Characterisation Protocol: prospective observational cohort study. BMJ. 2020;369: m1985. doi:10.1136/bmj.m1985

[12] Weißer K, Barth I, Keller-Stanislawski B. Sicherheit von Impfstoffen. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz. 2009;52: 1053–1064. doi:10.1007/s00103-009-0961-y