Positionspapier medizinischer Labore und pathologischer Institute: Für ein verlässliches, praxistaugliches und leistungsfähiges Akkreditierungswesen

06/03/2026

Positionspapier medizinischer Labore und pathologischer Institute:
Für ein verlässliches, praxistaugliches und leistungsfähiges Akkreditierungswesen

Medizinische Labore und pathologische Institute sind ein unverzichtbarer Bestandteil einer modernen, qualitativ hochwertigen und patientenorientierten Gesundheitsversorgung. Insbesondere im Bereich der In-vitro-Diagnostik bilden sie die Grundlage für präzise Diagnosen, personalisierte Therapien und innovative
Versorgungsansätze. Qualitätssicherung ist hierfür essenziell – und Akkreditierung ein zentrales Instrument, um diese Qualität transparent und vergleichbar darzustellen.

Die Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS) nimmt für die Sicherstellung eines hohen medizinischen Versorgungsniveaus eine Schlüsselrolle ein. Ihre Aufgabe ist es, durch unabhängige Akkreditierung das Vertrauen in die fachliche Kompetenz medizinischer Einrichtungen zu stärken und die Fachkompetenz zum Wohle der Patientenversorgung mitzuhelfen zu verbessern. Dieses Grundprinzip wird von den unterzeichnenden Verbänden und Fachgesellschaften ausdrücklich unterstützt.

Gleichzeitig sehen sich medizinische Labore und pathologische Institute seit geraumer Zeit mit erheblichen und zunehmenden Problemen in der praktischen Umsetzung der Akkreditierungsverfahren konfrontiert. Diese Probleme haben mittlerweile ein patientenfernes, realitätsfernes Ausmaß erreicht, das aus Sicht der Verbände und Fachgesellschaften nicht mehr hinnehmbar ist und die Versorgungssicherheit und den Gesundheitsstandort Deutschland gefährdet.

Aktuelle Akkreditierungspraxis: mehr Hemmnis als Unterstützung

Was als wichtiges Instrument zur Qualitätssicherung gedacht ist, wird in der aktuellen Ausgestaltung zunehmend als Belastung erlebt. Akkreditierungsverfahren entwickeln sich für viele Einrichtungen zu einem hemmenden Faktor im operativen Betrieb. Statt die täglichen Laborabläufe zu verbessern und Planungssicherheit zu schaffen, erzeugen sie Unsicherheit, führen zu wirtschaftlichem Druck und binden ohnehin knappe personelle Ressourcen, was sich letztendlich negativ auf die Qualität der Patientenversorgung auswirkt. Diese Entwicklung steht im Widerspruch zu den politischen Zielen, die Gesundheitswirtschaft in Deutschland stärken, Innovationen fördern und verlässliche Rahmenbedingungen für Leistungserbringer schaffen zu wollen. Zuletzt hatte die Wirtschaftsministerkonferenz diese Ziele in ihrer Sitzung am 28.11.2025 beschlossen und damit unterstrichen.

Zentrale Kritikpunkte aus Sicht der medizinischen Labore und pathologischen Institute

1. Unzureichende Kommunikation und lange Bearbeitungszeiten
Zahlreiche Einrichtungen berichten von sehr langen Antwortzeiten in laufenden Akkreditierungsverfahren. Rückmeldungen der DAkkS erfolgen teilweise über Monate hinweg nicht oder nur sehr verzögert. Diese fehlende Verlässlichkeit erschwert die betriebliche Planung erheblich und untergräbt die notwendige
Prozesssicherheit auch unseren Kunden gegenüber, die diese Verzögerungen nicht nachvollziehen können.

2. Verzögerte Ausstellung von Akkreditierungsurkunden
In einer Reihe von Fällen werden Akkreditierungsurkunden erst zwölf bis achtzehn Monate nach Abschluss des Verfahrens ausgestellt. Dies führt zu rechtlichen und organisatorischen Unsicherheiten und wirkt sich negativ auf Folgeaudits sowie die Außenwirkung der betroffenen Einrichtungen aus.

3. Überbordende Bürokratie und Dokumentationspflichten
Der laboralltagsferne Dokumentationsaufwand im Rahmen der Akkreditierung ist in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Dieser Aufwand steht häufig in keinem angemessenen Verhältnis zum tatsächlichen Qualitätsgewinn. Statt einer Fokussierung auf fachlich-medizinische Inhalte dominieren formale und
systembezogene Anforderungen, die keiner Verbesserung der Laborabläufe bzw. der Patientenversorgung dienen. Diese Entwicklung widerspricht den erklärten politischen Zielen des Bürokratieabbaus im Gesundheitswesen.

4. Fehlgewichtung zwischen System- und Fachbegutachtung
Die zunehmende Konzentration auf meist durch fachfremde Auditoren durchgeführte Systembegutachtungen führt dazu, dass diese mittlerweile häufig mehr Zeit und Ressourcen beanspruchen als die fachlichen Audits. Hochqualifiziertes medizinisches Personal wird dadurch überproportional für formale
Qualitätsmanagementanforderungen gebunden. Das geht zulasten von Patientenversorgung, Forschung und Innovation.

5. Steigende Kosten und wirtschaftliche Belastungen
Die Kosten der Akkreditierung steigen kontinuierlich ohne jeglichen Benefit für die Patientenversorgung. Neben den direkten Gebühren entstehen erhebliche indirekte Kosten durch internen Personalaufwand und externe Beratungsleistungen. Insbesondere kleinere und mittelgroße Einrichtungen geraten dadurch zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Die Akkreditierung entwickelt sich für sie von einem Qualitätssicherungsinstrument zu einem finanziellen Risiko und belastet unser Gesundheitssystem zusätzlich. Die limitierten finanziellen Ressourcen sollten zur Sicherung und Verbesserung der Diagnostik verwendet werden, nicht für überflüssige und nutzlose Dokumentation.

6. Verlust fachlicher Beteiligung und Transparenz
Die Abschaffung der früheren Sektorkomitees wird von den unterzeichnenden Verbänden und Fachgesellschaften als deutlicher Rückschritt bewertet. Der strukturierte, kontinuierliche Austausch zwischen DAkkS und den betroffenen Fachgebieten hat wesentlich zur fachlichen Akzeptanz und Transparenz beigetragen. Die derzeitige Form der punktuellen Einbindung über einen Expertenrat ersetzt diesen Dialog nicht.

Bedeutung für Versorgungssicherheit und Gesundheitsstandort Deutschland

Die beschriebenen Missstände haben nicht nur Auswirkungen auf einzelne Einrichtungen, sondern entfalten eine systemische Wirkung. Verzögerte und ineffiziente Akkreditierungsverfahren hemmen Innovationen, schwächen die Investitionsbereitschaft und gefährden langfristig eine flächendeckende, qualitativ
hochwertige Versorgung. Die ursprünglichen wirklich hervorragenden Ziele der DAkkS werden dadurch mittlerweile komplett konterkariert.

Und sie stehen im direkten Widerspruch zu den Zielen, die von der Politik – unter anderem im Rahmen der genannten Beschlüsse der Wirtschaftsministerkonferenz – zur Stärkung des Gesundheitsstandorts Deutschland formuliert wurden. Verlässliche und wirtschaftlich tragfähige Rahmenbedingungen sind eine zentrale Voraussetzung für eine resiliente und zugleich innovationsfreudige Gesundheitswirtschaft.

Reformansätze für eine konstruktive Weiterentwicklung

Die unterzeichnenden Verbände und Fachgesellschaften verstehen ihre Kritik ausdrücklich nicht als pauschale Infragestellung der Akkreditierung oder der Arbeit der DAkkS. Das Ziel ist vielmehr eine konstruktive Weiterentwicklung des Systems.

Ein leistungsfähiges Akkreditierungssystem muss

  • praxisnah und verhältnismäßig ausgestaltet sein,
  • transparente und planbare Verfahren gewährleisten,
  • fachliche Qualität stärker gewichten als formale Systemanforderungen,
  • wirtschaftlich zumutbar sein,
  • die betroffenen ärztlichen Leistungserbringer systematisch einbinden und
  • der Patientenversorgung maßgeblich zugutekommen.

Die Verbände fordern daher:

  1. Eine grundlegende Reform der Akkreditierungspraxis mit Fokus auf Effizienz, Verlässlichkeit, Schnelligkeit und Praxisnähe.
  2. Verbindliche Bearbeitungsfristen und transparente Kommunikationsstrukturen.
  3. Eine deutliche Reduzierung bürokratischer und redundanter Dokumentationspflichten.
  4. Eine sachgerechte Balance zwischen System- und Fachbegutachtung, weg von einer überbordender System- hin zur Fachbegutachtung.
  5. Eine wirtschaftlich tragfähige Ausgestaltung der Akkreditierung, insbesondere für kleinere Einrichtungen.
  6. Die institutionalisierte, verbindlich mitbestimmende Einbindung ärztlicher Leistungserbringer und Fachgesellschaften in die Weiterentwicklung der Akkreditierungsverfahren.

Qualitätssicherung, Patientensicherheit und Innovation sind gemeinsame Ziele von Politik, Akkreditierungsstelle und medizinischen Leistungserbringern. Diese Ziele lassen sich jedoch nur erreichen, wenn Akkreditierung als unterstützendes und verlässliches Instrument wahrgenommen und praktisch eingesetzt wird. Die unterzeichnenden Verbände und Fachgesellschaften, die die Labordiagnostik und die pathologische Diagnostik in Deutschland repräsentieren, stehen bereit, ihre fachliche Expertise konstruktiv in einen zeitnahen Reformprozess einzubringen – im Interesse der Patientinnen und Patienten, der Versorgungssicherheit und eines starken Gesundheitsstandorts Deutschland.

 

Unterzeichnende Verbände und Fachgesellschaften
Berufsverband Deutscher Pathologinnen und Pathologen e. V. (BDP)
Deutsche Gesellschaft für Pathologie e. V. (DGP)
Deutschen Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie e. V. (DGNN)
Berufsverband Deutscher Humangenetiker e. V. (BVDH)
Deutsche Gesellschaft für Humangenetik e. V. (GFH)
Berufsverband Deutscher Laborärzte e. V. (BDL)
Akkreditierte Labore in der Medizin e. V. (ALM)
Berufsverband der Ärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie e. V. (BÄMI)
Gesellschaft für Virologie e. V. (GfV)
Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie e. V. (DGHM)

 

PDF-Version der Stellungnahme