Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie (GfV) e.V. zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrates (WR) zur fachlichen Entwicklung der Medizin vom 31.10.2025
28/07/2026
Die Gesellschaft für Virologie (GfV) e. V. dankt dem Wissenschaftsrat (WR) für seine Analysen zur Situation in der Hochschulmedizin, die mit besonderem Fokus auf die vorklinischen und klinisch-theoretischen Fächer in dem o. g. Papier enthalten sind. Die GfV begrüßt die Empfehlungen des WR zur Bewältigung der aktuellen Herausforderungen und der absehbaren Probleme in der Hochschulmedizin, die kleinere Disziplinen und Spezialfächer in besonderer Weise betreffen werden. Das Empfehlungspapier wurde ermöglicht, nachdem eine Expertengruppe des WR im Jahr 2023 auf Bitten der GfV und weiterer Fachgesellschaften einen spezifischen Arbeitsauftrag erhalten hatte.
In seinem Empfehlungspapier stellt der WR fest, dass den klinisch-theoretischen und vorklinischen Fächergruppen an der Schnittstelle zwischen Wissenschafts- und Gesundheitssystem eine zentrale Bedeutung für die Qualität in Forschung (einschließlich Translation), der praktischen Krankenversorgung sowie der Lehre und Ausbildung zukommt. Dies gilt gerade vor dem Hintergrund der unzureichenden Finanzierung dieser Fächer unter den gegebenen Rahmenbedingungen und den Folgen von demografischem Wandel und Fachkräftemangel für die kleinen Fächer.
Die GfV begrüßt, dass der WR das Bewusstsein für die wachsenden Herausforderungen der Hochschulmedizin schärft und entscheidende Lösungsansätze benennt. In seiner Stellungnahme betont der WR dabei die essenzielle Rolle der wissenschaftlichen Fachgesellschaften für die Sichtbarkeit, Attraktivität und Entwicklung der vorgehaltenen medizinischen Fächer sowie das aktive Portfoliomanagement auf Standort- und auf Länderebene. Den Appell des WR nimmt die GfV zum Anlass, um auf die besondere Bedeutung des Fachs Virologie einschließlich seiner strukturellen Erfordernisse (z.B. BSL-2 und BSL-3 Hochsicherheitslabore, unabhängige Professuren, Personalausstattung, Vergütung diagnostischer und konsiliarärztlicher Leistungen) an medizinischen Fakultäten hinzuweisen.
Medizinische Kompetenz: An Universitätskliniken ist ein wachsender Anteil schwerstkranker Patientinnen und Patienten von Virusinfektionen betroffen, deren Versorgung besonderes Fachwissen in Diagnostik, Therapie und Prävention erforderlich machen. Beispielhaft sind Patientinnen und Patienten nach Stammzell- oder Organtransplantationen, mit modernen Tumortherapien (z.B. CAR-T Zellen) und iatrogener Immunsuppression einschließlich Autoimmunerkrankungen zu nennen.
Gesundheitsschutz, Öffentliche Gesundheit und die Resilienz des Gesundheitssystems: Die Virologie besitzt besondere Systemrelevanz bei neu auftretenden Erregern, Epidemien sowie umwelt-, migrations- und krisenbedingten Gesundheitsgefahren. Dazu zählen auch komplexe Gesundheitsbedrohungen infolge bewaffneter Konflikte und biologischer Gefahrenlagen. Begünstigt durch globale Vernetzung, Urbanisierung und Klimawandel breiten sich neue Erreger aus und bekannte Viren erschließen sich neue ökologische Nischen. Um dieser realen Bedrohung zu begegnen ist es erforderlich, dass die Virologie in Deutschland in ihrer ganzen fachlichen Breite mit zahlreichen unabhängigen Standorten erhalten bleiben sollte, da eine schnelle und flächendeckende Reaktionskompetenz in Versorgung, öffentlichem Gesundheitswesen und Forschung von fachlich-örtlicher Diversifikation und Spezialisierung abhängt.
Forschungsrelevanz: Die erhebliche Bedeutung von Virusinfektionen für das Entstehen von Nicht-übertragbaren Erkrankungen zeichnet sich immer deutlicher ab und markiert einen breiten Forschungsbedarf in der Zukunft. Aktuelle Beispiele sind neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer (Varicella-Zoster-Virus (VZV)), Postinfektionssyndrome (SARS-CoV-2, Influenza), Krebs (Hepatitis B und C, Humanes Papillomavirus (HPV)) und Autoimmunität (Epstein-Barr-Virus (EBV), Multiple Sklerose). Daher gilt es, aus molekularvirologischen Prozessen mechanistische Erklärungen für langfristige Krankheitsfolgen zu gewinnen, um daraus zielgenaue Konzepte für Prävention und Therapie entwickeln zu können.
Vor dem Hintergrund der dargestellten Bedeutung der Virologie für Krankenversorgung, Öffentlicher Gesundheit und Forschung strebt die GfV eine nachhaltige strukturelle Stärkung des Fachs an den medizinischen Fakultäten an. Hierzu gehören insbesondere der Erhalt und Ausbau eigenständiger virologischer Institute mit unabhängigen Professuren, eine verlässliche Grundfinanzierung von Personal sowie von Hochsicherheits- und Diagnostikinfrastrukturen (BSL-2/3), und eine angemessene Vergütung diagnostischer und konsiliarärztlicher Leistungen. Die GfV fordert, dass im Rahmen des vom WR angeregten Portfoliomanagements sichergestellt wird, dass virologische Expertise flächendeckend an mehreren universitären Standorten vorgehalten wird, um sowohl die qualitätsgesicherte Versorgung komplexer Patient*innen als auch die schnelle Reaktionsfähigkeit bei Ausbruchsgeschehen und zukünftigen Pandemien zu gewährleisten. Schließlich ist die systematische Einbindung der Virologie in Aus-, Weiter- und Fortbildung sowie in nationale Strategien der Pandemieprävention und -bewältigung zwingend erforderlich.
PDF-Version der Stellungnahme

